"Chandos-Briefe" des LK 12

18.06.

„Dies ist der Brief, den Philip Lord Chandos, jüngerer Sohn des Earl of Bath, an Francis Bacon, später Lord Verulam und Viscount St. Albans, schrieb, um sich bei diesem Freunde wegen des gänzlichen Verzichtes auf literarische Betätigung zu entschuldigen.“

 

So beginnt ein Text, der 1902 unter dem Titel Ein Brief und mit der Datierung 22. August 1603 veröffentlicht wurde. Hinter dem fiktiven Briefschreiber und der historischen Verfremdung verbarg  sich der damals bereits sehr berühmte Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal (1874-1929).
Chandos, ein junger begabter Dichter, der schon viele Werke veröffentlicht hat, hat die Sicherheit verloren, dass das poetische Wort Wirklichkeit aufnehmen könne; er sieht Kunst nur noch als Schein, als schönes Spiel. Wörter und Begriffe lösen sich ihm beim Zugriff auf die Dinge auf: „Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts ließ sich mit einem Begriff umspannen.“ Die Sprache und die Bilder, deren er sich bisher bedient habe, seien dem Ansturm des erfahrenen Lebens nicht mehr gewachsen. Aber die Sprache, die er benötige, um die Dinge sprechen zu lassen, habe er noch nicht gefunden, deshalb schweige er.

 

Die Schülerinnen und Schüler des Deutsch-Leistungskurses 12 von Herrn Dr. Hilgart verfassten Antworten auf den bereits legendären „Chandos-Brief“ Hofmannsthals, wobei sie die historische Fiktion wahrten. Drei davon werden hier vorgestellt.

 

 

 

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     Devonshire, den 2. April 1604

 

Lieber Freund,

 

 

Ich habe lange, lange über deinen Brief nachgedacht. Was, wenn sie nur Worte sind, deine Worte? So wie auch alles andere in deiner Ansicht ja scheinbar seine Bedeutung verliert.

 

Natürlich kann man den Dingen keinen festen Namen geben- ein Stuhl ist durch das Wort nur ein Stuhl, aber ist er denn nicht noch viel mehr als das? Sagt das Wort „Stuhl“ doch nicht aus, wie bequem er ist oder wie lang seine Beine sind.

 

Siehst du? Ich verheddere mich genau wie du in meinen Beispielen und bleibe wie so oft an den Metaphern hängen. Doch gebe ich die Worte deshalb nicht auf!

 

Sind sie doch viel zu schön und rätselhaft und geben uns doch so viel, als dass wir ihnen das Privileg verwehren könnten, aus einer, wie du es nennst, dumpfen Sprache zu einem klingenden Laut zu werden. Worte sind dazu da, ausgesprochen zu werden, oder sie zumindest zu denken.

 

Als ich unlängst nachdem ich deinen Brief erhalten hatte, durch das Dorf in der Nähe meines Sitzes spazierte, traf ich auf eine Frau, deren Anblick mich sprachlos machte.

 

Nun würdest du sagen, weil es keine Worte gibt, für den Anblick dieser Frau. Doch glaube mir, es gibt sie. Ich hatte sie alle in meinem Kopf, auch wenn ich sie nicht aussprechen konnte.

 

Auch wenn sie die Bedeutung des Dings nicht erfassen, kannst du die Worte den Leuten, mir und vor allem dir selbst nicht austreiben. Schau dir all die Liebeslyrik an, alles über eine Sache, die man wegen ihrer Abstraktheit und Komplexität gar nicht beschreiben kann, und doch gibt es die Gedichte.

 

Außerdem, du sagst, du hast deiner literarischen Karriere ein Ende gesetzt – und doch schreibst du mir. Zeigt das nicht, dass du an deinen eigenen Theorien zweifelst?

 

Ich hoffe doch sehr, dass dich mein Schreiben dazu bringt, dein Vorhaben umzudenken. Es wäre solch ein Verlust, und du würdest den süßesten Worten den Eintritt in das Paradies der Sprache verwehren. Bitte gib das Schreiben nicht auf, dem einzigen dem du damit schadest ist dir selbst. Denn ohne deine Worte verlierst du auch dein Denken.

Denke immer daran.

 

 

Dein Francis

                                                                                                                                 Gesa K.

 

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April 1604

 Sehr geehrter Herr Chandos, mein wertgeschätzter Freund,

In diesem Schreiben möchte ich mich aufrichtig für diese verspätete Antwort entschuldigen, jedoch bin ich durch die Welt gereist, um meinen Horizont zu erweitern.

Während diesen Reisen bin ich auf sehr sonderbare und zugleich interessante Persönlichkeiten gestoßen, die mir neue Denkweisen präsentierten, welche all  meine in mir selbst manifestierten Ansichten in Frage stellen. Wir sprachen über Literatur und poetische Gedichte und so trug ich mein geliebtes Gedicht „Vorfrühling“ vor. Erinnerst du dich daran? Dies hast du anlässlich meiner Verlobung mit Rosalie geschrieben und meiner lieblichen Frau gewidmet. In allen Strophen sah ich ihr Lächeln, ihre funkelnden Augen. Doch diese Unmenschen lachten mich aus! Mit dem Finger zeigten sie auf mich, als ob ich einer niederen Klasse angehöre. Ich spürte wie der Zorn in mir aufstieg, zeigte aber Respekt diesem Gesindel gegenüber und belächelte die Situation, um mein Schamgefühl zu verheimlichen. Es dauerte nicht lange, da erhob ein sehr gut gekleideter Mann seine Stimme, räusperte sich, um alle Anwesenden zum Schweigen zu bringen und erklärte mir, worin mein Fehler läge, weshalb sich seine Angehörige so köstlich amüsiert hätten, wofür er sich natürlich entschuldige. Er bat um Verzeihung, ich nickte ihm auffordernd zu und er begann seine Theorie zu erläutern. Er sagte Gedichte würden alles und nichts umfassen, sie seien lediglich ein Gemütszustand, bestimmt durch äußere Eindrücke, ein bloßer Taubenschlag, nichts bedeutend, nicht entschlüsselbar. Ich war schockiert und zugleich von der Neugier mitgerissen. Gespannt wartete ich auf eine Fortsetzung, doch der Mann hatte sich bereits zum Gehen abgewandt.

„Aber was bedeutet dies für mich?“, schrie ich ihm nach. Er blieb eine kurze Zeit wie angewurzelt stehen. Nach einer Zeitspanne, die ich als eine Ewigkeit empfand, drehte er sich um, ganz langsam, blickte mit tief in die Augen, als sehe er mein Innerstes und wisperte: „Das Ich ist unrettbar.“ Und mit diesen vier schlichten und doch so bedeutungsvollen Worten, schritt die Gruppe von dannen und ich stand alleine auf einer Lichtung, umgeben von der unendlichen Natur und fühlte mich sonderbar. Hin und hergerissen zwischen Einsamkeit und dem Glücksgefühl Eins mit der Natur zu sein.

Die Worte des Mannes waren bereits in Vergessenheit geraten und nun lese ich deinen Brief. Nur allzu gerne würde ich dich in meine Arme schließen und dich trösten, so wie ich es tat als wir noch Grünlinge waren und Anne dir das Herz brach, dir sagen dass alles sich zum Guten wende, dass du dich nur in einer Sinneskrise befändest und dich bald deinem Hobby- dem Schreiben, wieder zuwenden könntest. Darüber handelte auch meine erste Fassung des Briefes an dich, welche ich jedoch unter Tränen zerriss, als mir bewusst wurde, dass du ein Angehöriger dieser Gruppe seien müsstest, du ihre Ideologien teilest und deine Seele, dein Geist, deine Identität sich in einer Krise des nicht Existierens befinden. Zunächst konnte und wollte ich dich nicht verstehen, weshalb ich nicht fähig war zu respondieren.

Alles schien in einem Widerspruch zu stehen, deine Worte, deine Intention. Wie kannst du nur behaupten, die menschliche Sprache sei nicht vollkommen genug, um Dinge zu erfassen, zu analysieren und zu deuten? Wie ist es möglich, dass du Metaphern verwendest, um deine Gefühlslage zu beschrieben, wenn die Sprache dir doch so zuwider ist? Hättest du nicht sprachlos seien müssen? So wie ich es jetzt bin, da der Gedanke Wurzeln in meiner Seele schlug und alles aufzehrte, um sich zu nähren und zu gedeihen? Die Bedeutung der Sprache ist in mir verloren gegangen, meine Rosalie erträgt es kaum noch mich anzuschauen, so verängstigt ist die arme Unschuldige. Ich würde sie gerne beschützen, ihr in einem Meer aus roten Blumen meine Liebe zu ihr gestehen, doch was würde dies noch bedeuten? Nichts, absolut gar nichts, so wenig wie ein Taubenschlag, mich gibt es nicht mehr, eine Seele, das „ich“ besteht schlicht und ergreifend nicht mehr!

All meine Antworten finde ich nur noch in der Natur, der göttlich mystischen Natur. Eins mit ihr zu werden ist mein größtes Ziel. Doch wie kann ich dies nur erreichen? Vielleicht befinde ich mich nun selbst in einer Sinneskrise, jedoch ist sie unheilbar, diese Ideologie unauslöschbar. Mein Herz ist verbittert, krank und schwer liegt es in meiner schwach schlagenden Brust. Allein durch die Sprache haben wir Menschen es geschafft uns zu entfremden. Wahrscheinlich erwartest du gar keine Antwort mehr von mir, ich kann es dir nicht verübeln. Du hast aufgehört an Gesprächen teilzunehmen und so tu ich es dir gleich. Weder Urteile werde ich fällen, noch eine Meinung werde ich vertreten, die Sprache lässt dies nicht mehr zu.

Dies wird tatsächlich mein letzter Brief sein, indem ich dir danke, dass wir all die Jahre Freunde waren und zahlreiche Erinnerungen teilten, hiermit verabschiede ich mich aus vollem Herzen. Meine letzte Reise werde ich heute antreten, an der Lichtung an der ich die Gruppe traf, die den Samen meines jetzigen Denkens in mir pflanzte, wird meine Seele , meine unsterbliche Seele, Eins mit der Natur.

 Hochachtungsvoll,

 Francis.

                                                                                                                      Julia Sch.

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Sehr geehrter Lord Chandos,

Wohl durch eine Verwechslung ist mir ihr Brief in die Hände gefallen. Nicht weit von Sir Bacons Anwesen habe ich mich auf meinem Landsitz zur Ruhe gesetzt. Erst nach Öffnen des Briefes wurde mir bewusst, dass er wohl nicht an mich adressiert war. Gerne hätte ich ihn seinem eigentlichen Adressaten überbracht, doch Sir Bacon ist vor einiger Zeit von hier weggezogen.

Ich las also ihr Schreiben und muss zugeben ich war über das Gelesene sehr erstaunt. Ihr Anliegen ist ein sehr spezielles; und doch möchte ich Ihnen nur allzu gern, zumindest in einigen Dingen, zustimmen.

Mit dem Alter und einer zurückgezogenen Lebensart kam bei mir die Erkenntnis, dass alles zusammenhängt und dass alles miteinander in Verbindung steht und kommuniziert - ganz ohne Worte. Die wirklich wichtigen Interaktionen finden auf einer Ebene statt, die wir gar nicht begreifen können. Hat man dies einmal erkannt mag einem unsere Sprache unzulänglich, gar betrügerisch falsch anmuten, wird sie doch nie all das in einfache Menschenworte fassen können, was uns bewegt. Man muss deshalb aber diese irdische, unvollständige Sprache nicht verdammen oder sie ächten. Nein, Sprache kann vieles ausdrücken, aber nicht alles, kann sich der Unendlichkeit des Seins nur langsam annähern; kann aber auch Träumen mit geöffneten Augen sein.

Verehrter Sir Chandos, Sie haben schon in jungen Jahren etwas verstanden, worauf viele sich nicht mehr einlassen. Sie fragen und sie suchen nach Antworten. Verständlich, aber doch nur Produkt unserer Sprache. Fragen Sie, aber die Antworten auf die wirklich wichtigen Dinge sind nicht zu finden.

Wenn die also nach dem Sinn der Sprache fragen – verzweifeln Sie nicht!

Wenn Sie nach den Schnittpunkten von Offenbarung und Realität fragen – gaben Sie nicht auf!

Wenn sie danach fragen, wie lange Sie das noch ertragen müssen – ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse!

Sie sind noch so jung, denn ihr Geist windet sich unermüdlich. Und hat er eine Idee, die ihn begeistert und verzweifelt, so lässt er davon nicht ab. Das Paradox Ihres Briefes ist kein Zufall: Sie wissen die von Ihnen verdammte, unzulängliche Sprache mit Fingerspitzengefühl und Eleganz zu bedienen. Die Erkenntnis darüber muss sie folglich sehr schwer getroffen haben. Auch ich war in jungen Jahren einmal in einer ähnlichen Krise, aber ist nicht das Infrage stellen, das Zweifeln Zeichen eines höheren Verständnisses?

Ich will Sie nicht von Ihrer Theorie abbringen, besonders da ich sie in einigen Punkten teile, aber ich möchte Sie dazu anhalten nichts zu überstürzen. Ich spreche hier mit der Weisheit, die mit dem Alter eintritt und ich wünsche einem klugen Geist wie Ihnen, dass sie auch einmaleine solch privilegierte Position wie die meinige einnehmen zu können. Eine Position, die erlaubt Verständnis sowohl für den Zweifel als auch für die Beschaffenheit der Realität zu haben.

Ich hoffe mein Schreiben hat Sie nicht verärgert und kann Ihnen vielleicht sogar von Nutzen sein!

Mit freundlichen Grüßen, eine alte Dame

                                                                                                          Frederike H.

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